Emotional infographics #2 (everything that’s missing)

29. 6. 2015 / 00:33 Uhr
/ Kategorie Randnotizen 2015

Psycho analysis

 

Psycho analysis

(Jealousy, guilt, hatred, elation, sexual perversion, anger, social anxiety, oedipus complex)

miscellaneous things on a table

 

Miscellaneous things on a table

(#1 black tape, #2 table, #3 miscellaneous things)

Zum Beispiel Einsamkeit

26. 6. 2015 / 08:50 Uhr
/ Kategorie Randnotizen 2015

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Der Mann öffnet die Packung, zieht ein Fläschchen heraus, schraubt die Kappe ab. Das erste Fläschchen trinkt er langsam, nippt nur daran. Er muss sich erst gewöhnen: an die Schärfe, das Brennen, die Bitterkeit. Kleine Schlückchen, dazwischen lässt er Zeit verstreichen und Gedanken. Gedanken an roten Absinth, damals. Der Geschmack war intensiver, das Brennen war intensiver, und er selbst war ein anderer, damals. Das zweite Fläschchen trinkt er in einem Zug. Er hat bittere Getränke immer gemocht, verstreicht ein Gedanke, und bittere Nahrungsmittel. Damals, als Bitterkeit eine Geschmacksrichtung war und kein Charakterzug, kein Verhältnis zur Welt. Am letzten Fläschchen saugt er, nuckelt er. Es ist das letzte für heute, für noch eine weitere Packung fehlt das Geld, darum: bis auf den letzten Tropfen. Dann schließt er die Augen und lässt die Zeit verstreichen. Keine Gedanken, nur der anhaltende Nachgeschmack von Sternanis, der sich in Ruhe auflöst. – Auf der Bank neben dem Mann sitzt ein Mann. Sonst sprechen sie miteinander. Jetzt herrscht Schweigen. Diese Minuten gehören ihm, sie stehen ihm zu. Ihm, dem anderen Mann, dagegen nicht, er hat nicht mehr das Geld dafür.

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Am öftesten findet er einzelne Fläschchen. Verloren irgendwo, wie zufällig. Er fragt sich, ob manche von ihnen derselben Packung entstammen. Selten ist die Genealogie rekonstruierbar, der Hergang der Dinge eindeutig. Eine Straße – er nennt sie: x-beliebig –, morgens, auf dem Weg: Er findet zunächst die Schachtel. Zusammengeknüllt, aggressiv, zwischen einem Stromkasten und einer Hausmauer. (Wiederkehrende Nische, in der er noch nie das gefunden hat, was er sucht.) Und dann, im Abstand von zwanzig, dreißig Metern die Fläschchen. Eines nach dem anderen, drei Stück, alle wieder zugeschraubt. Es liegt auf der Hand, dass sie derselben Packung entstammen, trotzdem kann er (kann sein Fotoapparat) sie nur noch isoliert wahrnehmen. Kein Weitwinkelobjektiv wäre in der Lage, sie in einem gemeinsamen Tableau festzuhalten. Und auch die, die trinken, nicht. Jeder trinkt für sich allein, isoliert und ausgestreut. Es ist kein Zigarettenpäckchen, das man herumreicht, man bietet niemandem einen Zug an. Sie mögen auf einer gemeinsamen Bank sitzen, sie mögen demselben Päckchen entspringen: Jemand nimmt und trennt und wirft sie. Geworfensein (Cf. M. Heidegger). Verwerfung (Cf. J. Lacan).

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Wie beim Schwammerlsuchen, denkt er: Es gibt bestimmte Stellen (mit roten Kappen markierte Punkte in seinem Gedächtnis), zu denen er, einmal fündig geworden, immer wieder zurückkehrt. Fundstellen, die wiederaufzusuchen halb rational begründet ist und halb einem kindischen Aberglauben entspringt. Bänke auf einem Bahnhofsvorplatz, zwischen welkenden Blumenbeeten und zweistöckigen Fahrradständern. Fast ist es unmöglich, hier enttäuscht zu werden. Am Boden unter einer Bank und wie für ihn arrangiert, findet er, was er sucht: Fünf verstreute Kappen, deren Isolierung er in einem Bild festhalten kann. Ein Mann sitzt auf der Bank, und er will keine Menschen auf seinen Fotos sehen. (Auch dann nicht, wenn es nur zwei Beine sind.) Er schleicht um die Bank (um den Mann) herum, um eine menschenlose Einstellung zu finden. Es ist ihm unangenehm, er beobachtet, wie der Mann ihn beobachtet, kommentarlos, bewegungslos. Endlich gelingt ihm das Foto, und er will gehen. Der Mann räuspert sich und hält ihm das rote Päckchen wie eine Zigarettenpackung hin. Er nickt und sagt: Du hast es nötiger.

 

Trauer

24. 6. 2015 / 00:09 Uhr
/ Kategorie Randnotizen 2015

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An uns alle.

Wir diskutieren oft über das Phänomen der Pluralen Wirklichkeiten. Zeitgleich existieren auf der Welt Realitäten, die wir uns hier (speziell im globalen Norden) nicht einmal vorstellen können. Von Kriegen, Zerstörung, Armut und sterbenden Menschen hören und sehen wir im Normalfall nur im Fernsehen (und da können wir einfach den Sender wechseln oder ausschalten).
An diesem Samstag dem 20.06.2015 sitzen wir auf der Terrasse und schlürfen unsere Tassen Kaffee, um uns eine kleine Pause von einem Brainstorming zu gönnen. Kurze Zeit später holt uns ein Anruf aus einer ganz anderen Wirklichkeit ab.

Eine Amokfahrt in Graz – 3 Tote und 34 Verletzte.

Normalerweise schreibt und liest man solche Zeilen über Orte, die weit, ja, ganz weit weg aus unserem Bewusstsein gelegen sind. Fassungslos über die schockierenden Nachrichten und Auswirkungen der Ereignisse blicken wir uns an. Der pure Schrecken vor der “eigenen Haustüre” verschlägt einem schon die Sprache. Was ist da eigentlich passiert? Diese Wahnsinnstat lässt uns unsere Verwundbarkeit auf schmerzliche Weise erkennen. Eine Ohnmacht, die unsere Welt ein kleines Stück zusammenrücken lässt – ohne Hass und Hetze! Gewalt, in welcher Form auch immer, war Auslöser der Tat und ist Auslöscher überall auf unserem Globus.
Zusammenhalt und Hilfsbereitschaft haben Schlimmeres verhindert – und dieser Zusammenhalt sollte auch als Symbol dafür stehen, dass solche unfassbaren Ereignisse nicht für politische oder rassistisch/hetzerische Zwecke missbraucht werden.

Graz trägt Trauer.

Eine Stadt ist ein Möglichkeitsraum unterschiedlichster Menschen, Kulturen und Ethnizitäten – und als solches Kollektiv, und nur als solches, zukünftig überlebensfähig. Menschen tragen Trauer. Egal von welchem Geschlecht, welcher Hautfarbe, welcher Herkunft oder Religion.
Wo befindet man sich, wenn etwas Schreckliches passiert? In der Herrengasse, in Syrien oder womöglich auf der Terrasse der eigenen Wohnung?
Die Willkür der Gewalt zeigt, wie kostbar und doch zerbrechlich ein Menschenleben ist – jedes Menschenleben!
Während wir diese Zeilen schreiben, sitzen wir nun wieder auf der Terasse. Nur trinken wir diesmal keinen Kaffee – unsere Tassen sind leer. Wir versuchen unter Mühe, die richtigen Worte zu finden. Das ist aber schwierig, auf Grund der Unbeschreibbarkeit des Anlasses.
Viele Menschen haben schon bewegende Briefe und Zeilen verfasst, um ihre Anteilnahme auszudrücken und diese an die Medien oder sozialen Netzwerke gerichtet. Wir schließen uns diesen Menschen und ihrer Anteilnahme an und teilen die Bitte, dieses erschütternde Ereignis nicht für politische Zwecke zu missbrauchen.
Wir wünschen uns für das Sicherheitsgefühl, dass keine Barrikaden errichtet, sondern durch ein Miteinander überwunden werden. Wir wünschen uns für die Wunden der Menschen und der Stadt, einen heilsamen Genesungsprozess durch Zeit und Verbundenheit.

An dieser Stelle gedenken wir den Opfern und Verletzten der Amokfahrt in Graz. Unser tiefes Mitgefühl und Beileid möchten wir an dieser Stelle den Hinterbliebenen und Angehörigen aus tiefstem Herzen ausdrücken.

Unser Post bleibt dieses Mal schwarz.

Michael und Marleen

Schautafel-Collage

21. 6. 2015 / 05:53 Uhr
/ Kategorie Randnotizen 2015

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