Die kindliche Hirschkönigin

28. 8. 2015 / 13:00 Uhr
/ Kategorie Randnotizen 2015

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Die kindliche Hirschkönigin konnte die menschliche Sprache sprechen, zog es aber vor zu schweigen. Statt zu sprechen sah sie mit ihren langen Wimpern auf die Welt und blickte zuweilen den Menschen in die Augen (die sich verirrt hatten), und die Menschen schauderte es (und sie wußten nicht, warum).

Die Hirschkönigin sah dieses Schaudern und bedauerte es, keine Arme zu haben, um diese kleinen Menschen zu umarmen. Sie blickte dann auf ihre langen, zierlichen Vorderläufe und die Menschen schlichen sich in diesem Moment meist fort (wobei sie den Atem anhielten).

Auch wenn die Hirschkönigin viele Untertanen hatte, war sie viel allein. Sie ging herum an Orten, so sie wußte, sie würde niemandem begegnen und ihre Schritte waren dergestalt, dass die Äste kaum knackten. Manchmal schnalzte sie dann mit der Zunge und blinzelte zwischen den Zweigen in die Sonne.

Krone

26. 8. 2015 / 22:45 Uhr
/ Kategorie Randnotizen 2015

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Schlangen haben keine Hände, um sich Kronen zu basteln.

Statt Diamanten und Rubinen sind die Spitzen der Krone aus kleinen Meeresmuscheln.

Die Schlange sehnt sich immer ans Meer.

Die Bewegungen der Wellen sind wie die Bewegungsspuren im Sand, die die Schlange hinterlässt.

Am Meer könnte ihr Körper mit den Wogen und dem gezeichneten Sand eins werden.

Wenn die Schlange zischt, ist es wie ein Flüstern der nächtlichen Brandung.

Hinter dem Spiegel beginnt die See und die Weite.

Der Weltbaumeister

26. 8. 2015 / 18:29 Uhr
/ Kategorie Randnotizen 2015

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… keine Bewegung mehr – das Bild steht still – die Musik schwebt auf einem unendlich langen Ton – bis es langsam dunkel wird.

Lieber M. du kennst die Zeilen …

Heute war ich in diesem Theaterstück, von dem du letztens gesprochen hast – „Der Weltbaumeister“. Ich muss dir sagen, ich war sehr überrascht, da das Schauspiel ja aus 3 Akten bestehen sollte. Nach dem ersten Akt der Natur und dem zweiten Akt der Architektur endete aber bereits das Stück. Wo aber war die Erforschung des utopischen Kosmos? Oder müssen wir uns selbst auf eine Spurensuche begeben?

Sind es die gegenwärtigen Tendenzen und Gegebenheiten welche bewusst im Dunklen gelassen werden? Oder ist es die utopielose Zeit nach Lyotard von der wir gerade sprechen? Wer ist der Drahtzieher im Marionettentheater? Wer sind die Mannequins – idealiserte Menschen, beliebig steuer- und austauschbar? Wo ist meine Position als diejenige, die im Publikum sitzt und nur mehr zuschauen kann, während die Manipulationsmechanismen undurchschaubar die transformierte Szenerie bestimmen? Es ist das Bild, das still steht – die Musik jedoch schwebt. Stillstand oder Schwebe. Ist das Testbild (oder ist es ein Störbild) auf dem die Strukturen aufgebaut und von oben bestimmt werden, ein Sinnbild für die „richtige“ Sendersuche in der Gegenwart?

Weißt du noch, als wir versucht haben unsere Bewegungen in der Mitte der Schaukel auszubalancieren? Daran hat mich das Schweben errinnert – ganz kurz vor dem Moment, an dem man noch nicht genau weiß, ob es nach oben oder nach unten gehen wird. Auch du kennst dieses Gefühl! Doch ist es nicht viel mehr die Ungewissheit die uns lähmt? Oder ist es das Dunkel selbst?

Ohne Dunkel kann es kein Licht geben, oder? Was ist eigentlich mit dem Schatten?

Tanizaki meint dazu: „Wir erfreuen uns an jener zarten Helligkeit, die entsteht, wenn ein bereits diffuses Außenlicht allenthalben die dämmerfarbigen Wandflächen überzieht und nur mit Mühe einen Rest von Leben bewahrt.“

Die Fokussierung auf die Transformation in der Zentralperspektive zeigt doch die Veränderungen des Menschen zu seiner Umwelt. Vielleicht ermöglicht das Dunkel sich von dieser über Jahrhunderte festgelegten Perspektive zu lösen, den Blick auch wieder nach oben, unten, rechts und links schweifen zu lassen, die Zusammenhänge für sich selbst zu erfahren und somit wieder die Grundlagen für Utopien zu schaffen. Wir sollten nicht immer dem Kapital als oberste Instanz huldigen, sondern die Gemeinsamkeiten von uns und unserer Umgebung erkennen. Die Suche beginnt im Kleinen – in den Möglichkeitsräumen innerhalb der Strukturen. Was meinst du dazu?

Ich verbleibe mit den besten Grüßen aus dem Areal der Weltenbürger.

M.

PS: Falls du dir das Stück nochmal anschauen möchtest, hier gibt es noch Karten: „Der Weltbaumeister“

Sammeln, Sucht: Alpenglühen

26. 8. 2015 / 17:07 Uhr
/ Kategorie Randnotizen 2015

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Sein Blick beim Gehen ist weiter auf den Boden gerichtet. Selten dass er ihn hebt, und auch dann nur, um sich kurz zu orientieren (und nicht vor ein Auto zu laufen.) Tunnelblick, denkt er, die vollständige Fokussierung auf ein Objekt. Der Blick des Suchenden (= Sammelnden) ist der Blick des Süchtigen: Allein der Stoff zählt, alles andere fällt aus den Wahrnehmungszusammenhängen. Schon immer, denkt er, war er von Sucht fasziniert, und er stellt sich Sucht als ein gleichseitiges Dreieck vor. Drei nominale Punkte (die drei roten Käppchen einer Schachtel) definieren es: Obsession – Isolation – Autodestruktion. Und definieren auch das Dreieck des Sammlers. Der Suchtsammler ist besessen von den Objekten seines Sammelns bzw. wird er selbst von den Objekten besessen. Der Suchtsammler vereinsamt in seinem Tun: Das Sammeln, nimmt er es ernst, isoliert ihn von allen anderen. (Jeder geht und sammelt und trinkt für sich allein.) Der Suchtsammler vernichtet sich im Sammeln: Der Sammlung wird alles untergeordnet, bis nichts zurückbleibt als die Sammlung selbst, keine Ressourcen, kein Raum, kein Ausweg. (Zielgerichteter Potlatch: Totale Verausgabung für das Eine.) Und er? Manchmal, wenn er im Gehen versucht, den Blick springen zu lassen – im Ping-Pong zwischen den Suchtobjekten und ihren Kontexten –, überkommen ihn Schwindel und Teufelskreislaufprobleme. Fast so als hätte er Gras geraucht.

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Wer nichts mehr hat, sammelt alles. (Hat er jemanden sagen hören.) Der Mann schiebt einen Einkaufswagen vor sich her, bis an den Rand hin angefüllt. An den Gittern hängen ausgebeulte Taschen und Plastiksäcke, am Unterbau des Einkaufwagens steht ein Bananenkarton. Vor den Mistkübeln bleibt er stehen, durchsucht sie, nimmt mit, was ihm brauchbar erscheint. Aus der Entfernung (und, wenn man sich dem Mann nähert, auch aus der Nähe) sieht der Einkaufswagen aus wie ein mobiler, langsam durch die Welt kriechender Müllberg. Hort ohne geografische Koordinaten: reine Bewegung, d.h. besinnungslose Hortung. In den Pausen, während der er sich auf Bänken niederlässt, trinkt er. Vormittags zögerlich, gegen Abend hin immer härter. Der Mann, denkt er, lebt im Spannungsfeld einer auf die Spitze getriebenen Ambivalenz. (AMBIVALENZ: Some dance to remember, some dance to forget. – Eagles, Hotel California.) Denn die Mittelpunkte des Sucht- vs. Sammler-Dreiecks sind antithetisch definiert: In- und umkreist das Sammeln die Erinnerung, in- und umkreist die Sucht das Vergessen. Wer nichts mehr, d.h. alles vergessen hat, sammelt alles. – Der Mann steht auf, schiebt seinen Einkaufswagen weiter, entsorgt im Vorbeigehen die Flasche im Mülleimer: Post, womöglich, für jemanden, der im Sammeln das Vergessen sucht.

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Wenn er versucht, sich den Begriff Vergessen als Landschaft vorzustellen, sieht er ausgedehnte, zu keinem Abschluss kommende Flächen vor sich. Ebenen, Steppen, Eis- und Sandwüsten. Ohne Bewuchs, ohne Verwerfungen. Oder ein Meer. Ein horizontloser Ozean ohne Ausblick auf Festland, nicht einmal in Form insularer Intarsien. – Erinnerung dagegen nimmt in seinem Kopf unweigerlich die Form eines Berges an. Keines Hausberges freilich: Der Hausberg ist die Inversion eines Berges, umgestülptes, hochaufragendes Vergessen. Hymnisch besungen – Land der Hausberge –, ist er der Vergessens-Hausberg Österreichs. (Ein Tafelberg aus Sandsteinschichten und – geologisch eher unmöglich, literarisch aber ok – umhüllt von einer Rosenquarzschicht. Der Form und dem Gehabe demnach dem bekannten Punschkrapferl nicht unähnlich. Cf. R. Menasse.) Kein Hausberg also, ein richtiger Berg: Zusammengesetzt aus Erinnerungsschichten, komprimiert durch tektonische Verschiebungen. Bewachsen bis zu einer Grenze, die nicht die Baumgrenze wäre, und überzogen von einem Labyrinth aus Wegen, an deren Kreuzungspunkten keine Wegweiser aus der Verwirrung führen. Ein richtiger Berg also, denn Gehen – auf Bergwegen und jedes Gehen überhaupt – ist Erinnerungsarbeit und Vergessensverweigerung. (D.h. Um- und Neuschrift: Jeder Gang, jeder einzelne Schritt überschreibt die vorgängige Erzählung.) Und der Berg, nicht zuletzt, denkt er, ist Müllberg, der sich in nichts von einem Berg aus Sammel(=Erinnerungs)objekten unterscheidet. Weil nur Müll sich beharrlich ins Gedächtnis ruft.

Nachbild:

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