Da werden alle Völker stumm

22. 7. 2016 / 07:28 Uhr
/ Kategorie Randnotizen 2016

Im Türkischen gibt es das Yumuşak Ğ, einen Buchstaben, der nicht ausgesprochen wird.

 

 

Da werden alle Völker stumm

 

Der Sultan hat gesagt: Bitte lüften!

Es wimmelt hier nur so von fremden Düften.

Der Sultan rät den Kritikern, den Schuften,

aus seinem Sultanat schnell zu verduften.

 

Der Sultan sagt: Um mich herum

und wo ich geh und steh,

da werden alle Völker stumm

wie das Yumuşak Ğ.

 

Der Sultan sagt: Auf der gesamten Welt

löscht man alles, was mir nicht gefällt.

 

Der Sultan sagt, Löschen und Inhaftieren

ist nicht genug um ganz zu triumphieren.

Er selbst würde genug Subjekte kennen,

da müsse man den Kopf vom Körper trennen.

 

Der Sultan sagt: Um mich herum

und wo ich geh und steh,

da werden alle Völker stumm

wie das Yumuşak Ğ.

 

Der Sultan sagt: Auf der gesamten Welt

löscht man alles, was mir nicht gefällt.

Ribisel extended

21. 7. 2016 / 14:02 Uhr
/ Kategorie Randnotizen 2016

Wie jeder Hit-Song hat auch jede Frucht ihre Extended Version. Heute ist der Tag der Ribisel extended und Jonathan flüstert mir ins Ohr, dass der Begriff Ribisel extended keine Treffer bringt. Na, bitte!

ribisel

Daher die Übung für heute:

Übung 2: Jede Frucht symbolisiert etwas. Der Apfel die Versuchung und den Sündenfall oder die Entdeckung der Schwerkraft, die Mango Reichtum und Fruchtbarkeit usw. usf. Beantworten Sie die Frage, wofür die Ribisel steht und belegen Sie Ihre Antwort mit Literaturbeispielen.

Für mich steht die Ribisel für zaghafte Annäherung, verstohlenes Küssen, Verliebtheit. Und ich kann das mit einem Beispiel belegen, dessen Quelle ich allerdings nicht exakte nennen kann (vielleicht hilft mir jemand = Übung 3). Ich glaube es ist ein Lied von Karl Farkas, das in etwa so beginnt:

Hinten bei die Ribisel,
zwicke ich sie bissl.

(Es geht dann weiter durch eine reiche Frucht-und Pflanzenpalette und endet so in etwa mit:)

Schließlich beim Spitzwegerich,
ka Sekunde zöger’ ich.

Oder hab ich mir diesen Song nur eingebildet oder ihn geträumt? Dann allerdings gleich mit Melodie. Jedenfalls ist das für mich die Ribisel. Und dann noch: Ribisel extended!

Sabzi-Topfengolatschen

20. 7. 2016 / 13:13 Uhr
/ Kategorie Randnotizen 2016

Wer kann sich noch an den Kino-Werbespot erinnern, in dem Zeitungskolporteure interview wurden? Ich glaube, es war ein Sport für die Zeitung KURIER. Der Spot lief in den 90er-Jahren in vielen Kinos vor jedem Film. Damals waren die Zeitungskolporteure in Wien meist Araber, aber es waren auch schon Indern darunter. Ein Inder ist mir in Erinnerung geblieben und ich glaube, dass ich ihn damals manchmal in persona auf der Straßenbahnhaltestelle Dr.-Karl-Renner-Ring gesehen habe.

Jedenfalls sagte er nur zwei Sätze.

इंडिया में हाथी बहुत हैं

In Indien gibt es viele Elefanten.

sabzi-topfengolatschen

Und dann der wichtige Satz:

Ich esse am liebsten Sabzi-Topfengolatschen.

Wobei Sabzi (सब्ज़ी) Gemüse bedeutet und ich immer der Meinung war, dass er mit Sabzi-Topfengolatschen ein Samosa (समोसा) meint, die dreieckigen Teigtaschen, die meist mit Kartoffeln und Erbsen gefüllt sind.

Die heutige Übung:

Übung 1: Versuchen Sie mit dem Fahrrad spiegelverkehrt den Schriftzug Samosa nachzufahren. (Das ist natürlich nur eine Vorübung für die spätere Praxis im englischen Doppeldecker.)

 

 

Himmelsschriftpiloten

18. 7. 2016 / 11:42 Uhr
/ Kategorie Randnotizen 2016

DAS PHÄNOMEN AM HIMMEL

Ueberall, wo bisher die kühnen Himmelsschriftpiloten ihre Kunst gezeigt haben, stand die ganze Stadt im  Banne des einzigartigen Erlebnisses. Und wirklich: der Eindruck eines in 4000 Meter Höhe “schreibenden” Flugzeuges ist so überwältigend, daß selbst an den bewegtesten Brennpunkten des Verkehrs das hastende Leben der Großstadt für einige Minuten zu lautloser Ruhe erstirbt und aller Augen gespannt dem überwältigenden Schauspiel folgen. Wie ein kleiner Habicht schießt der Pilot mit seinem Apparat hin und her, und wie von Geisterhand gezaubert steht darauf, in einem Umkreis von weit über 100 Quadratkilometer sichtbar, in riesigen Lettern am Firmament:

PERSIL.

Natürlich ist das Schreiben mit einer so schweren Schreibfeder, wie es ein Flugzeug darstellt, keine leichte Sache. Der Pilot muß das Wort, damit es vom Erdboden richtig gelesen werden kann, in Spiegelschrift fliegen (vergl. Abbildung) und wird in monatelangem Training zuerst auf Fahrrädern eingeübt, um sich an das Gefühl, Worte umgekehrt zu schreiben, zu gewöhnen. Beim Schreiben operiert der Flieger in etwa 4000 Meter Höhe, in der er vor Kälte zittert, wenn uns unten die Hitze plagt. Die Rauchabgabe wird durch Hebel reguliert; der Rauch, der sich mit außerordentlicher Geschwindigkeit entwickelt, wird hinten vom Flugzeug ausgestoßen, und zwar in einer Menge von 8000 Kubikmeter pro Sekunde. Diese Menge wird verständlich, wenn man erstens die große Geschwindigkeit bedenkt, mit der das Flugzeug operiert, und zum anderen die ungeheure Größe der Buchstaben. Die durchschnittliche Geschwindigkeit, die der Flieger erreicht, beträgt je nach Wetterverhältnissen 150 bis 175 Kilometer; bei den sogenannten Abstrichen kommt sie auf 200 Kilometer. Die großen Buchstaben sind ungefähr 1500 Meter hoch, die kleinen etwa 1000 Meter, und das ganze Wort Persil vom Anfang bis zum Schluß hat eine Länge von 7000 bis 8000 Meter.

persil_01

Bitte beachten Sie die Waschanleitung auf der nächsten Seite!

Arbeiterzeitung, 10. Juli 1928, S. 9

Reklame am Himmel

Gestern hing eine Sensation wirklich in der Luft: ein Flugzeug kreiste über Wien und schrieb – nicht mit Flammenschrift – aber mit Rauch Buchstaben in den Himmel. Damit ein Zweifel, daß es an die Wiener schreibt, ausgeschlossen ist, “rief” es zuerst an: Hallo Wien! Das Flugzeug, von der Sonne beschienen, war kaum zu sehen. Nur, wenn es sich wendete, wenn es ein Looping machte, blinkten seine Tragflächen auf. Dann zog es seine Schleifen in weißem Rauch und machte Reklame für eine Firma. Die Leute blieben auf der Straße stehen und konnten sich an dem “Wunder” nicht satt sehen.
In Berlin, London, Neuyork ist diese Himmelsreklame, von der wir die erste Kostprobe gestern erhielten, fast schon eine Alltäglichkeit. Nun soll sie auch in Wien Mode werden.

Arbeiterzeitung, 10. Juli 1928, S. 5

Wie es gemacht wird

Das Flugzeug, das den Reklameflug vollführte, ist ein englischer Doppeldecker, der von einem deutschen Piloten gesteuert wurde. Die Rauchschrift wird am Ende des Flugzeuges ausgestoßen. Die Zusammensetzung des Gases ist ein Fabriksgeheimnis. Natürlich hält sich die Schrift nur bei vollkommener Windstille. Man konnte übrigens auch gestern schon bemerken, wie die Buchstaben vom Winde zerzaust und vertragen wurden.

Arbeiterzeitung, 10. Juli 1928, S. 5