Programmheft kommt voran

26. 8. 2014 // 11:13 Uhr // // Kategorie Randnotizen 2014

Das ausführliche Gespräch, mit Hermann L. Gremliza und Dietmar Dath, für unser Programmheft ist inzwischen geführt. Ich bin Überzeugt, da sind einige kluge Gedanken über Marcuse ausgetauscht.
Und auch die Reflexionen, von einem guten Dutzend geschätzter Autoren, über zentrale Zitate Marcuses, sind eingetrudelt.
Einige will ich hier nach und nach vorstellen. Beginnen soll Thomas Blum, der so genau hinzuschauen vermag – und dem so eine witzige und traurige Bebilderung gelungen ist:

»Da steht ein Mann. Er steht an der Bushaltestelle, die nur mit allergrößter Mühe als solche erkennbar ist. Auf allen drei Wänden des Buswartehäuschens sind, hinter bruchsicherem Glas, riesige bunte Hochglanzbilder mit halbnackten Frauen zu sehen, deren halb geschlossene Augenlider und halb offen stehende Münder den Eindruck erwecken, die Frauen ernährten sich von Benzodiazepinen und es habe überdies jemand etwas mit ihren Gehirnen gemacht. ›Perfect Beauty‹ lauten die Worte neben der Großaufnahme eines Gesichts.
Der wartende Mann wirft einen zärtlichen Blick auf sein Pappbrötchen, einen kompakten kleinen hellbraunen Klumpen, den er mit zwei Fingern aus dem kleinen, bunten Hochglanzpappkarton angelt, den er in der Hand hält. Die Worte ›Ich liebe es‹ sind auf dem Karton zu lesen. Es kann als ausgeschlossen gelten, dass ein Mensch des 19.Jahrhunderts den Klumpen als Nahrungsmittel identifiziert hätte. Auch auf dem T-Shirt, das der Mann trägt, prangt ein Schriftzug in Versalien: ›DEUTSCHLAND‹. Auf der Plastiktüte, die er neben sich abgestellt hat, steht: ›Ich bin doch nicht blöd.‹
Auf einem großen, bunten Plakat auf der anderen Straßenseite ist die Frau abgebildet, die oft abends im Fernsehen gezeigt wird und dort Sätze spricht, die an der Stelle, wo andere Sätze Spurenelemente eines Gedankens haben, Motivationstrainerjargon und Sprachwatte haben. Die größte aller Banalitäten wird von ihr in einem Ton verkündet, als handele es sich dabei um eine jahrtausendelang vor der Allgemeinheit verborgene und nun von ihr entschlüsselte Weltweisheit. ›Was jeder Einzelne von uns im Kleinen erreicht, das prägt unser Land im Ganzen‹, sagt sie. Oder: ›Alles, was noch nicht gewesen ist, ist Zukunft, wenn es nicht gerade jetzt ist.‹ Auf dem Plakat steht geschrieben: ›Kanzlerin für Deutschland‹. Auf einem Plakat daneben liest man: ›Nichts ist unmöglich.‹
Die Menschen, die durch den hinter der Bushaltestelle gelegenen neonerleuchteten Supermarkt trotten, wissen, dass nichts unmöglich ist. Und sie wissen, was Glück ist: ein kaltes Bier, ein großes Schnitzel, eines von diesen Fernsehgeräten, deren Bildschirm die halbe Wohnzimmerwand einnimmt. Kurz: Dinge, die man in sich hineintun kann. Die bunt sind. Und laut. Nein, da braucht niemand zu kommen und die Menschen zu belehren.
Zwei junge Männer, die aus dem Discounter kommen, sagen beide etwas. ›Super! Boah, ist das geil! So geil!‹, schreit der eine von ihnen, der an seinem bis obenhin gefüllten Einkaufswagen zwei noch in Cellophan verpackte Deutschlandfahnen angebracht hat, die er anscheinend soeben erstanden hat. ›Voll der Hammer! Der totale Wahnsinn, Alter!‹, antwortet der andere, während er wie in Trance auf sein Smartphone sieht. Man weiß nicht, wovon die beiden Männer reden. Oder ob sie mit dem jeweils anderen reden. Aber das spielt auch keine Rolle. Die gesamte Szene ist schön, so, wie sie ist. Denn sie ist wahr. Da gibt es keinen Zweifel.«

commonplace 25/8/14

25. 8. 2014 // 19:53 Uhr // // Kategorie Randnotizen 2014

den wirkungskreis klein halten, die ermüdungserscheinungen wegverwalten / zwischenspiele: erst gar nicht zulassen, eskapaden: erst gar nicht so nennen — – // die bunten bonussticker aufkleben / den neuen haarschnitt für sich behalten / und den schmalen schatten geld am konto ::: a-u-s-g-e-b-e-n

 

Bikes at Dawn

21. 8. 2014 // 18:03 Uhr // // Kategorie Randnotizen 2014

 

Heed the Sign

Heed the Sign

 

For the past two months we’ve been working hard on Episode 8 of Life and Times, which has been filmed mainly outdoors in the very early morning hours.  No one in New York has a car (OK, one of us has a car…) but we’ve been mostly doing it all by bicycle, which means hauling about 75 lbs of camera equipment with us on the back of a tricycle with a flatbed attachment.  The night before a shoot, Pavol will pack up the equipment, and I try my best to rig it on the back with about 25 ft. of rope, hoping I don’t have to stop along the way to tie something tighter.

We get up at 3:30am (or — just last week: 2:30am) gulp a coffee, strap on the hazard lights and helmets, and set out to bike to our location, with many of the actors also traveling by bike to meet us.  This last Monday was the longest bike ride yet — 20 miles round trip to Floyd Bennet Field, an abandoned airstrip turned parkland near Breezy Point.  There were few streetlights and no moon.  So, we had a flashlight strapped to the handlebars and took caution not to run over the surprised rabbits who took off across the road in front of us.

It was our last morning shoot.  I’m a little sad about that.

Pavol and I will return to record some ambient sound in the next two weeks, but it will be just the two of us then.  I’m going to miss the mornings we had making this episode — the quiet in the city — bikes at dawn and the surprise of finding your friends waiting when you get there.

NTO at Floyd Bennett Field

NTO at Floyd Bennett Field

 

 

Viel Arbeit, wenig Ragnitz-Bad

12. 8. 2014 // 21:28 Uhr // // Kategorie Randnotizen 2014

Eine ganze Woche lang waren sie hier in Graz: Kristof Schreuf, Andreas Spechtl und Robert Stadlober haben mich in meiner »Stadtwohnung«, die ich nutzen darf, weil Tamara und Dieter Glawischnig so großzügige Gastgeber sind, besucht. Das »Team Marcuse« war also komplett – und das auch noch unter einem Dach, in Wohngemeinschaft. Das ist kein kleiner Unterschied zum Proben und Besprechen, wie sonst üblich, also mit »Feierabend« und Rückzug aus dem Kollektiv.
Ich glaube, wir waren viel fleißiger als damals, bei der Verabredung im Mai, geplant. Jedenfalls waren wir jeden Tag mindestens zehn Stunden »am Ball«; das Ragnitz-Bad – meines Erachtens eine Hauptattraktion in Graz – hat man kaum gesehen.
Was sagt man über die erste so intensive gemeinsame Zeit, in der unser »Eindimensionaler Mensch« ein gutes Stück vorangebracht werden sollte? Was ist die (Zwischen-)bilanz?
Also: Wie es sich gehört für ein KONZERT-THEATER, das ohne Chef, ohne Regisseur, ohne »einen, der den Hut aufhat« auskommen will, blieb uns nichts erspart von alledem, das sowohl schön als auch bedrohlich ist:
- Das Verwerfen von Ideen, die noch im Juni den Eindruck eherner Gültigkeit zu haben schienen. Mit der (immer schmerzhaften) Anforderung an jenen, der sie ausgebrütet hatte, wenn schon nicht der Neuerung begeistert zuzustimmen, den »Umsturz« jedenfalls zu akzeptieren.
- Das Einüben von wechselseitiger Schroffheit; also, was man für Mist hält, nicht mit diplomatischen Formeln – um den heißen Brei herumschleichend – zu verunklaren.
- Das Gefühl nach einem besonders gelungenen Probentag im Übungsraum, man habe fast schon den (musikalischen) Sound des ganzen Abends gefunden. (Ich, weil in diesen Teil der Arbeit kaum verstrickt, darf sagen, ohne dass der Gestank von Eigenlob zum Himmel steigt: Hier sind einige Songs – jedenfalls im Entwurf – entstanden, die mir grandios scheinen; und die alle überraschen werden, die z.B. glauben: Wenn Andreas Spechtl musiziert, klingt es so ähnlich wie »Ja, Panik«. Diesmal nicht!
- Natürlich gab es auch die Tage, die sogenannten gebrauchten, an deren Ende man denkt, man habe viele Stunden auf der Stelle getreten – man sei nicht irgendwie auf halbem Wege zum Gipfel, sondern noch nicht einmal am Fuße des Berges angelangt. Und das auch noch bei Nebel.
Dann versicherten wir uns – als wären wir alle die erfahrendsten Haudegen des Metiers –, solche Krisen seien völlig normal, gehörten nun einmal dazu – und kein Grund zur Beunruhigung. (Und eine Flasche mehr als sonst wird dann entkorkt). Ohne die (akzeptierte) Angst vor Scheitern und Blamage ist »Kunst« eben nicht zu machen.

Groß waren Genuss und Erkenntnisgewinn und Freude am Disputieren, als wir uns gegenseitig die Beiträge für unser Programmheft vorgelesen haben. Einzelnen Gedanken Herbert Marcuses haben, und da kommt noch mehr!, jetzt schon reflektiert: Thomas Blum, Roger Behrens, Dirk Braunstein, Bazon Brock, Dietmar Dath, Georg Füllberth, Barbara Kirchner, Kurt Palm, Hans Platzgumer, Stefan Ripplinger und Berthold Seliger – Hermann Gremliza und Sonja Eismann sind auch schon bald fertig. Da kommt geballter Kunst- und Theorieverstand auf uns zu (und sehr unakademisch daher). In meinen nächsten »randnotizen« will ich einige Kostproben daraus vorstellen.
Bis dahin, weil das zum Bericht über unsere Proben passt, noch was von Marcuse; sein Lob der Phantasie:

»Die kritische Funktion der Phantasie liegt in ihrer Weigerung, die vom Realitätsprinzip verhängten Beschränkungen des Glücks und der Freiheit als endgültig hinzunehmen, in ihrer Weigerung, zu vergessen, was sein könnte.«
(Aus »Triebstruktur und Gesellschaft«)