On summer holiday

31. 7. 2015 / 16:20 Uhr
/ Kategorie Randnotizen 2015

Waterfall

Canyon

Glacier

Existenzcamouflage

28. 7. 2015 / 18:19 Uhr
/ Kategorie Randnotizen 2015

S042_sw

Die Luft drückend. Schwüle, Feuchtigkeit. Der Schatten keine Zuflucht: Abwesenheit von Licht, nicht von Hitze. Der Mann trägt einen dicken, olivgrünen Bundesheerpullover, ein, zwei Nummern zu groß. Über die Schultern geworfen ein Parker, graugrün, Teil verjährter Rot-Kreuz-Uniform. Die an den Oberschenkeln speckig gegriffene Cordhose ist braun. Dunkles, zu einem Pferdeschwanz zusammengebundenes Haar, schweißig über den Ohren und im Nacken. Der Bart verwirrt. Er sitzt auf einer Parkbank. Braunschwarz getretener Lehmboden, zerbröselnde Rindenstücke. Baumstämme in seinem Hintergrund: braun, braunschwarz, schwarz. Eine Wand aus Dunkelheit: Schatten, der Schatten wirft. Das Grün der Blätter ist verdunkelt, abgehoben vom Hinter- und Untergrund nur wenn sie sich bewegen. (Im Wind, den es nicht gibt.) Auch den Mann, im schnellen Vorbeigehen, erkennt man kaum. Er ist verdunkelt, abgehoben vom Hinter- und Untergrund nur wenn er sich bewegt. Als wollte der Mann sich tarnen, denkt er, als wollte er über die Einsamkeit, in der er lebt und trinkt und weiterlebt und weitertrinkt, hinwegtäuschen. Nur im genauen Hinsehen – Stieren: gezieltes Suchen – wird er sichtbar. Gemacht von ihm: Details, die es womöglich gar nicht gibt, die nur entstehen, weil er sie sehen will. Er legt etwas frei, das nicht da ist. Und vielleicht ist überhaupt nichts da, keine Tarnung, kein Mann. Nur die rote Baseballmütze, die neben ihm auf der Bank liegt.

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Beim Wort Tarnung hat er zwei Bilder im Kopf. Bild eins: ein Armyshop. (Klaustrophobische Enge. Die Kundschaft sieht aus wie … Mordundtotschlag.) Bild zwei: Tarnkappe, märchenhaft. Man setzt sie auf und verschwindet, Unsichtbarkeit vor allen Hintergründen. Bei den Fläschchen, denkt er, ist es umgekehrt: Sie müssen die Etikettenmäntel ablegen und die Kappen absetzen. Sein Blickverhalten im Gehen ist auf die Farbe Rot ausgerichtet. Sie hebt sich vor jedem Hintergrund ab, und es ist fast unmöglich, sie zu ignorieren. Sobald die Kappen abgesetzt sind, nur noch das dezente, im Licht glänzende Braun des Glases zurückbleibt, läuft er Gefahr, an den Fläschchen vorbeizulaufen, und nach erfolglosen Gängen stellt er sich die immer gleichen Fragen: Wie viele Fläschchen hat er übersehen? Hätte er die Straßenseite wechseln sollen? Wie oft hat er Vorder- und Hintergrund nicht voneinander unterscheiden können? Wie oft hat er nur das gesehen, was alle sehen? Nichts gefunden und nichts erfunden? Und welche Kappe müsste er selbst auf- oder absetzen, um unsichtbar zu werden?

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Der Mann trinkt die Tarnung, denkt er, er setzt sich die Kappe inwendig auf. Über einem Organ, vielleicht. Der Zirbeldrüse, wo René Descartes den Seelensitz verortet: Ein kleines, rotes Hütchen ohne Krempe. Fez. (Cf. A. Nin.) Oder dem Solarplexus, wo Michel Serres es tut: Sehr viel größer, als man annehmen würde, ein Sombrero. Er selbst würde, glaubte er an eine Seele, sie auf der Zunge verorten. Er hat das Bild einer gespaltenen Zunge im Kopf: Schlangenzunge mit zwei Enden. Im Mund wäre das Schmecken verdoppelt: Geschmack und Gegengeschmack, die sich nicht gegenseitig aufheben würden. Und auch das Sprechen wäre verdoppelt. Ein Sprechen, mit dem man sich an andere wendet, und ein Sprechen, mit dem man sich an sich selbst wendet. Nachts, im Vorbeiziehen fremden Schlafs. Manchmal würden die beiden Zungenenden sich zum Schweigen verknoten, zur zuverlässigsten der Tarnkappen. Im Sprechen dagegen müsste die Zunge eine Narrenkappe tragen mit je einer Schelle an den beiden Zungenenden.

 

Utopia?

27. 7. 2015 / 17:29 Uhr
/ Kategorie Randnotizen 2015

utopia_studio asynchrome

Ich habe das Boot bestiegen, wie viele andere Suchende auch, in der Hoffnung Erbauer zu sein. Den Träumen Drang zu verleihen – Flügel zu schlagen. Amaurotum – die Stadt des Goldes – die Hauptstadt – capital city – Kapital Stadt? Man erzählt sich, es ist eine Stadt, rasterförmig angeordnet, um das Maximum zu erreichen. Welches Maximum? Effizienz oder maximal gleiches Recht für alle? Abgeschlossen nach aussen durch Mauern – erzählt man sich. Warum eigentlich? Was ist es, dass Recht und Unrecht unterscheidet? Ist es wirklich eine Mauer? Ich habe gelesen von den Bedingungen des Menschseins – ob ich einen Platz finden werde? Ob ich diesen Bedingungen entspreche? Was ist der Unterschied zur Vergangenheit? Oft schon haben sich die Menschen aufgemacht und ihre Zelte abgebrochen, um sich auf die Reise in eine bessere Welt zu begeben. Doch wie oft davon war es wirklich freiwillig? Was waren die Gründe? Wie verhalten wir uns, was kann ich dazu beitragen? Meine Schlüssel musste ich leider in der Eile zurücklassen. Bitte bewahre sie doch solange für mich auf!

Von oben sieht so vieles gleich aus, doch inwieweit ist es die Form die den Inhalt beinflussen kann? Was ändert die Perspektive? Was sieht ein Vogel schon? Was sehen die vielen Papierschiffe unter mir? Endlos zieht sich die Oberfläche dahin und endlos erscheinen Zeit und Raum.

Ich habe davon gehört, dass wir bald da sein werden – im Areal der Weltenbürger. Platz, haben sie uns erzählt, gibt es hier genug. Ich bin voller Hoffnung! Wenn ich hier meine Zelte aufgeschlagen habe, mich meiner und somit unserer Sicherheit vergewissert habe, lasse ich dich so bald es geht nachkommen. Zu mir, auf unsere Insel. In ein Leben, in eine Zukunft. Ich, Du, aber vor allem endlich WIR!

Ich verbleibe in Hoffnung und mit den besten Wünschen!

M.

utopia 2_studio asynchrome

Kontext, unspektakulär

15. 7. 2015 / 19:01 Uhr
/ Kategorie Randnotizen 2015

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Oder eine Karte. Er hätte seine Funde von Beginn an auf einem Stadtplan markieren sollen. Rote Kappen auf einer grauen Karte. Schließt er die Augen, kann er sie deutlich sehen: ein dickes Knäuel Rot rund um den Bahnhof. Mutterschiff, denkt er, der Anfang vom Ende. Davon ausgehend Strahlen in alle fünf Himmelsrichtungen. Die Straßen, die Gürtel genannt werden und von Nord nach Süd ineinander übergehen, würden in ihrer Sternendichte eine Milchstraße ergeben. Zartere Strahlen nach Ost und West und in die fünfte, namenlose Richtung. Spärlicher die Markierung, je weiter sie sich vom Mutterschiff entfernen. Er stellt sich die Karte schön vor, aber er wüsste nicht, welches Attribut er ihr geben sollte. Astronomisch, vielleicht, eine Sternenkarte. (Aber: Menschen, die Sternen und Sternbildern Namen geben, sind ihm so suspekt, wie Menschen, die einen Hausberg haben.) Einsam, vielleicht, eine Jeder-für-sich-allein-Trinker-Karte. (Aber: Einsamkeit scheint in keiner Länderstatistik auf. Allenfalls, gebrochen, in den Selbstmordraten.) Politisch, vielleicht, eine Straßenreinigungspräferenzkarte. (Aber: Die liegt auf der Hand.) Soziologisch, vielleicht, eine Antonym-von-Gentrifizierung-s-Karte. (Aber: Er würde wohl nur die Soziologie seines Gehens kartieren.) Autobiografisch, also?, eine Psychogeografiekarte. (Denn: Sammeln als reflexives SICH-SAMMELN: Ich, wenn ich mich denn sammle, bin gleichsam vieles, bin geistig zerstreut und innerlich zerrissen. – Manfred Sommer, Sammeln. Ein philosophischer Versuch.) Situationistenkarte: détournement …

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Erst im wiederholten Betrachten der Fotografien wird ihm die Vielfalt der Straßen-, d.h. der Weltbelage bewusst. Sehr oft Grün. Gras und Wiese. (Klassische Bildkomposition: Komplementärkontrast zum Rot der Etiketten und Kappen. Und der goldene Schnitt, womöglich, ist die Sollbruchstelle, von der alles seinen Ausgang nimmt.) Pflasterungen aller Art. Sogar aus Holz. (Einzeln liegende Pflastersteine nimmt er mit nach Hause und verwendet sie als Buchstützen. Später einmal wird er sein Bett damit auslegen.) Schotter. (Er denkt: Schotter ist auch ein Synonym für Geld, aber er weiß nichts mit dem Gedanken anzufangen.) Rindenmulch. (Der Geruch, sobald er feucht wird, ist unangenehm: säuerlich, verfallend. Ein Geruch, denkt er, vor dem man sich in Acht nehmen sollte.) Beton und Asphalt. (Und wenn man sie abträgt, liegt darunter: Beton und Asphalt. Weh dem, der keine Symbole sieht!) Beton und Nischen. (Es ist, als wären die Nischen von Beginn an im Beton enthalten. Schon im Eintrocknen entstehen die ersten Risse. Witterungsbedingungen weiten sie aus: Schnee und Regen, Hitze und Frost. Bis sie endlich groß genug sind, um sich darin zu verkriechen.) Beton und sein Abbruch. (…) Beton und Beton. (Und die Milchstraße, denkt er, ist auch das Universum der Eidechsen. Zaun- und Mauer-. Sie sind kaum zu zählen. Während man ein Chamäleon sein müsste, um vor all den Hintergründen unsichtbar werden zu können. Bzw.: Die Zunge ausrollen. Die Zunge ausrollen können …)

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Indem er die Fläschchen fotografiert, indem er die Kappen aufhebt und fortträgt, zerstört er das Wechselspiel der Vorder- und Hintergründe. Jede Sammlung (das Sammeln als Tätigkeit) basiert auf Zerstörung des und Entfremdung aus dem ursprünglichen Kontext. Er verschiebt, denkt er, die Dinge aus ihrem in seinen Kontext. Er schafft, wie jeder Sammler, ein künstliches Biotop. Aus Projektionen und Identifikationen und Fiktionen. Er zerstört den vorgegebenen Rahmen (jeden Rahmen) und die sogenannte Vollzugswirklichkeit, um in der Doppelbewegung von De- und Rekontextualisierung an den Punkt zu gelangen, an dem es keine Referenz mehr gibt. Nur noch Fiktion (Sammeln = Fingieren) und einen Rest von Wirklichkeit, der ihm das Gehen (Gehen = Verwirklichen) ermöglicht. – Z. B. die Frau: Er zerpflückt sie und nimmt sie Stück für entfremdetes Stück mit sich. Ihr Gesicht, das bis an den Rand voll ist mit … Gesicht. Ihr Haar, es ist blond, und er wird es schwarz sein lassen, wie das des Mannes neben ihr. Die Kleidung wird er ihr erlauben, so wie sie ist. Die dunkelblaue Sporttasche, die neben ihr auf der Bank steht, wird er aus dem Bild räumen, ihr stattdessen einen Flachbildfernseher zur Seite stellen, der – ohne Strom – schwarz bleiben wird. Das Fläschchen, das sie ausgetrunken hat und auf das sie gerade die rote Kappe schraubt, wird er in den Mittelpunkt des Sammlungsbildes rücken, weil es nur eine Randerscheinung ist. Am Globus.